Müller-Hof

Auszeichnung im Rahmen des Förderpreises Naturschutzhöfe 2006

Angaben zum Betrieb

Müller-Hof
Helmut Müller

Markelfingerstr. 12
78476 Allensbach/Kaltbrunn, Baden-Württemberg
Tel: 07533-5729
Fax: 07533-7220
www.biohof-mueller.de
  • 150 ha und zusätzlich 100 ha Pflege von Feuchtgrünland im NSG
  • 55 ha Acker, 93 ha Grünland, 2 ha Streuobst, 0,5 ha Wald
  • 65 Milchkühe, 65 Rinder, 30 Mastschweine, 7 Ziegen, 5 Pferde, 150 Hühner
  • 7 AK
  • Schwerpunkt: Tiere, Getreide (alte Sorten), Hofladen, Tourismus, Landschaftspflege im Feuchtgrünland, Regenerative Energienutzung
  • Besonderheiten: Umweltbildung, Gemeinschaftsprojekt: Hofmetzgerei Ferdinand

Betriebsportrait

Immer auf der Suche nach Nachhaltigkeit
Ganz im Süden von Deutschland am Bodensee liegt der Bodanrück, eine faszinierende Hügelkette, die den See in Ober- und Untersee teilt. Prägend ist der Wechsel von Natur- und Kulturlandschaft, von Wald, Seen und Ried (süddeutsch für Niedermoor) sowie Obstwiesen, Grünland und Ackerbau. In dieser schwungvoll modellierten Landschaft mit ihren reizvollen Ausblicken liegt der Müller-Hof. "Wenn man die Blätter und Vögel singen hört, dann weiß man, dass man nicht viel braucht, um zufrieden zu sein", so die Aussage von Landwirt Helmut. Der Landwirt ist ein wissbegieriger, geselliger Mensch, ständig auf der Suche nach neuen Ideen und Weiterent-wicklung.

Blick über Allensbach
Blick über Allensbach
 
Riedwiesen mit Wollgras
Riedwiesen mit Wollgras
 

Auf seinem Hof herrschen Dynamik und Vielfalt. Kühe, Schweine und Pferde, Direktvermarktung, Biogas und Ferienwohnungen werden auf dem Müller-Hof gemanagt. Seit 1981 wirtschaften Helmut und Ruth Müller biologisch. Ausschlag hierfür war die Geburt von Michael, das dritte von fünf Kindern kam behindert zur Welt, so dass die bisherige konventionelle Bewirtschaftungsweise mit Kunstdünger und Pestiziden infrage gestellt wurde. Pestizide könnten die Behinderung verursacht haben, schlussfolgerten zwei Unikliniken. Mit viel Mut entschied sich das Paar trotz anfänglicher Resignation, weiterzumachen, aber nicht wie bisher sondern als Öko-Landwirte und Erzeuger gesunder Lebensmittel nach nachhaltigen Lösungen für die Gesellschaft zu suchen. Nach zehnjähriger "Erprobungs- und Umstellungsphase" hatte Helmut Müller seinen Platz als Bio-Bauer gefunden. Seit 1992 hat er einen Demeter-Betrieb.
Die Nachhaltigkeit wird auf dem Müller-Hof auch im Bereich erneuerbarer Energie praktiziert: Vor einigen Jahren wurde eine Biogasanlage gebaut, die mit der Gülle aus dem Laufhof und Futterresten gefüttert wird. Sie versorgt den Hof mit Wärme und Energie, das Stalldach ist mit Photovoltaikmodulen bestückt. Die Schlepper tanken Rapsöl. Weitere Pläne im Bereich der regenerativen Energie liegen bereits in der Schublade: Das reichlich anfallende Grüngut (Schilf) möchte Helmut Müller ebenfalls energetisch nutzen, um den 800-Seelen-Ort zu versorgen. Da-her wurde mittlerweile die Initiative Elabo (Energie und Landschaftspflege Bodensee) gegrün-det, eine Machbarkeitsstudie liegt bereits vor. Die Schilffeuerungsanlage mit einer Leistung von 500 kW soll etwa 245.000 Liter Heizöl im Jahr einsparen. Die Bürger als Nutzer erwerben Anteile, um in ein entsprechendes Nahwärmenetz zu investieren. Das Modellprojekt steht für regionale Biomasse, regionale Wertschöpfung und regionale Energiesicherung und sichert die Landschaftspflege auf Dauer.
Das nachhaltige Engagement für die heimatliche Landschaft bewältigt der Müller-Hof zusammen mit drei Gesellen, zwei Lehrlingen und einem Praktikanten, die zum Teil mit Familie auf dem Hof wohnen.

Feuchtgrünland und Ackerbau - eine gute Kombination mit langer Tradition
Seit 30 Jahren bewirtschaftet Familie Müller die Feuchtwiesen, Streuwiesen und Schilfzonen des Naturschutzgebietes (NSG) Mindelsee. Das Gebiet ist von besonderer naturschutzfachlicher Bedeutung: Knabenkräuter, Händelwurzarten, Sibirische Schwertlilie und Schachblume sind nur einige Beispiele für die seltenen Pflanzenarten, die dort vorkommen. Eine Liste der Brutvögel erstreckt sich über drei Seiten. Die Zusammenarbeit des Hofes mit der Naturschutzstation Möggingen geht Hand in Hand. Gemeinsam wurde eine rationelle Pflege und sinnvolle Arbeits-teilung entwickelt. Der Müller-Hof übernimmt die Maschinenarbeit und verwertet den Aufwuchs, die Mitarbeiter der Naturschutzstation sind für die Handarbeiten, das Monitorring und Pflege-management zuständig. Bei Arbeitseinsätzen, die das Handanlegen vieler Menschen bedürfen, sind die Zivildienstleistenden der Naturschutzstation und die Lehrlinge des Hofes gemeinsam im NSG anzutreffen. Das Mähgut wird hauptsächlich als Kompost für den Acker eingesetzt oder je nach Qualität als Einstreu für die Tiere oder als Substrat für die Biogasanlage genutzt. Diese Verwendung ist historischen Ursprungs, denn das nahegelegene Gemüseanbaugebiet, die Halbinsel Reichenau, profitierte früher bereits vom Nährstoffübertrag aus dem Ried. Energiege-winnung durch Schilfverbrennung für die gesamte Gemeinde ist eine weitere Idee, in der Helmut Müller vorankommen möchte.

Die 170 Hektar des eigenen Betriebes, zu zwei Drittel Grünland, liegen an der Schnittstelle zwischen Landwirtschaft und Naturschutz, verteilt auf mehr als 100 Schläge. Auf den Feldern wächst bei Helmut Müller vor allem Getreide in vielfältiger Art, wie Gerste, Hafer und Erbsen für Futter, Weizen, Roggen, Dinkel, Emmer und Einkorn für Brot. Auch Hartweizen und Nacktgerste bzw. -hafer baut er an. Vermarktet wird an zwei Demeter-Bäcker, deren Brote es auch im Hofladen gibt. Viel Dinkel wird über das nahe gelegene Hildegard-Zentrum vertrieben, das die Heilansätze der Hildegard von Bingen in Kuren und Seminaren verbreitet. Saatgut wird selten zugekauft, lieber vermehrt der Hof selbst und zieht seine Hofsorten. Damit das Saatgut rein bleibt, nutzt Müller nur eine Sorte je Frucht und lässt es nach der Getreidereinigung über einen Gewichtsausleser laufen, so dass nur große, gesunde Körner gesät werden. Zur Reduzierung der anhaftenden Pilzsporen wird das Saatgetreide zudem poliert. Die älteste Sorte auf dem Hof ist Dinkel (´Oberkulmer Rotkorn`). Kleegras steht auf 20 - 26 Prozent der Fläche. Kartoffeln werden nur in kleinem Umfang gelegt. Auch bei Mais (nach Kleegras) züchtet der Landwirt auf Basis kroatischer Sorten, die ein Mitarbeiter aus seiner Heimat mitgebracht hatte. Mit den Erträ-gen ist Müller sehr zufrieden, mit den Jahren hätten sich die Äcker verändert und auch dank des Einsatzes von Gülle und Kompost ein großes Potenzial entwickelt.

Balkenmäher zur Feuchtgrünlandpflege
Balkenmäher zur Feuchtgrünlandpflege
 
Zusammenarbeit mit der Naturschutzstation Möggingen
Zusammenarbeit mit der Naturschutzstation Möggingen
 

Der Landwirt ist auch gefragt, wenn in der kleinparzellierten Flur etwas brach fällt: die Pflege der Kulturlandschaft in der touristischen Region ist wichtig. Wo es geht, achtet Helmut Müller auch hier auf extensive bzw. naturschützerische Aspekte. Um Flecken von Wiesenknopf mäht er beispielsweise herum, denn der ist Wirtspflanze für eine geschützte Bläulings-Art. Auch eine Ameisen schonende Mähtechnik ohne Kreiselmäher hilft dem Schmetterling, denn der muss sich im Ameisenbau verpuppen. Lernen von den Naturschützern - das Hinschauen auf die Naturzu-sammenhänge erfüllt den Landwirt: "Ich muss immer verstehen, was ich tue". Dieses Wissen nutzt er z. B. mit dem Ampfenkäfer. Dessen Larven dürfen sich auf einem Schlag mit reichlich Ampfer vermehren. So kann er sie auf andere Flächen exportieren, um den Ampfer in Schach zu halten.

Sinn für Landschaftsstrukturen und -genüsse
Der Müller-Hof demonstriert, dass reizvolle Kulturlandschaft und Gaumenfreuden eng miteinander verknüpft sind. Helmut Müller erzählt von Zusammenhängen zwischen Landschaftselementen und Nützlingen, zwischen Kompost und Bodenlebewesen und im gleichen Atemzug berichtet er von Backerfolgen bei Biskuitteig aus Einkorn-Mehl oder vom besonderen Geschmack von Rindersalami nach italienischem Rezept. Beim Streifzug durch die Landschaft zeigt Helmut Mül-ler blühende Wiesen, Felder mit Einkorn in sanftem Grün und erhabene Landschaftsausblicke über den Mindelsee und die Riedflächen. Während sich Helmut Müller beim Anblick seiner Pflegewiesen freut, schimpft er über die sich ausbreitende Goldrute und erzählt von seinen Eindrücken und den stillen Momenten, die die Naturschutzaufgabe für ihn bereithält: Eintauchen in das Farbenspiel der großen Trockenwiese, nur der Himmel und die Blüten um sich. Der Storch ist sofort da, wenn er nur das Mähwerk hört, um Mäuse und Frösche zu picken.
Genauso aber freut es den Landwirt, wenn er in der winterlichen Abgeschiedenheit des zugefrorenen Mindelsees Zeit hat, zu sich zu kommen.
Der Müller-Hof ist aber auch noch eine produzierende Landwirtschaft mit 65 Milchkühen, 30 Schweinen und 150 Legehennen. Im hofeigenen Laden werden Getreide, Wurst, Fleisch, Käse, Apfelessig und Kartoffeln vom Hof, aber auch ein übliches Bioladensortiment von Molkereiprodukten bis Gemüse verkauft. Die Milch der schwarzbunten Herde geht zum Teil an die Molkerei "Bergpracht", zum Teil wird sie von einer mobilen Käserei direkt auf dem Müller-Hof verarbeitet. Die Tiere werden in der hofeigenen Metzgerei geschlachtet. Müllers Herde ist bodenständig, vom Vater übernommen. Er nutzt Bullen aus eigener Nachzucht und kauft nur zur Vermeidung von Inzucht mal einen Stier dazu. Dem Futter von Wiesen und Äckern wird teilwei-se selbstgemachter Apfelessig von den zwei Hektar Streuobstwiesen rund um den Hof zuge-setzt. "Das senkt den Zellgehalt in der Milch", weiß Helmut Müller, dessen Kühe immerhin ein Durchschnittsalter bis zu acht Jahren vorweisen. Einwohner, Gäste und auch durchradelnde Touristen nutzen den Milchautomaten, an dem durchgehend von sieben bis 22 Uhr frische Milch gezapft werden kann.

Teich, NSG Bündlisried
Teich, NSG Bündlisried
 
Riedwiesen
Riedwiesen
 

Lernort Bauernhof
Weitere Schwerpunkte sind auf dem Müller-Hof die Öffentlichkeitsarbeit und der Tourismus. Angeboten werden Übernachtungen im Heuhotel oder in der Ferienwohnung. Neuerdings gibt es für Gäste mit Pferden die Möglichkeit von Einstellboxen. Ein großer Tätigkeitsbereich von Landwirtin Ruth Müller ist der "Lernort Bauernhof". Rund 60 Schulklassen kommen jährlich auf den Hof und lernen die verschieden Bereiche der Landwirtschaft kennen, wie z. B. Themen über Tiere, Milch, Kulturpflanzenvielfalt, Landschaftspflege, Streuobst und viele Angebote mehr. Als nächstes steht die Planung und Umsetzung eines Seminarraumes auf dem Hof an.
Das vielfältige Engagement des Hofes ist beeindruckend. Trotzdem vergisst es Helmut Müller nicht und empfiehlt es auch Besuchern weiter, sich immer wieder auf die Bank am Waldrand zu setzen, zur Ruhe zu kommen, den Blick über den Hof und das Tal schweifen zu lassen und einfach nur den Tönen in der Landschaft zu lauschen.

Hofkultur
Überregional bekannt ist das Hoffest auf dem Müller-Hof, das in einem Turnus von zwei Jahren stattfindet, und kulinarische mit kulturellen Genüssen verbindet. Seit mehreren Jahren finden die, gemeinsam von Modellprojekt Konstanz GmbH, Bodensee-Stiftung und dem Kultur- und Verkehrsbüro Allensbach organisierten "Hofkulturtage" auf dem Müller-Hof statt. Heuhotel und Kinderprogramm, Jazzfrühstück und Kunst im Stall erhöhen die Attraktivität nicht nur des Hofes sondern des ganzen des ländlichen Raumes und sensibilisieren neue Zielgruppen für landwirt-schaftliche Themen. Die Hofkulturtage erfahren jedes Mal einen enormen Besucherandrang und werden auch in Zukunft fortgeführt.

Neugeborenes Kälbchen
Neugeborenes Kälbchen
 
Ziegen und Pferde auf dem Müller-Hof
Ziegen und Pferde auf dem Müller-Hof
 

Zusammenfassung
Der Müller-Hof in Kaltbrunn ist seit vier Generationen ein Familienbetrieb und in den Bereichen Tiere, Getreideanbau, Landschaftspflege, Tourismus und Energie aktiv. Die in jüngster Zeit bedeutsamste Veränderung geschah 1981 durch die Umstellung auf ökologische und biodynamische Landwirtschaft. Diese Entscheidung hat den Müller-Hof in den letzten 26 Jahren grundlegend verändert. Heute ist der Hof ein Betrieb mit sechs Tätigkeitsfeldern, die alle einem Ziel dienen: Ein ganzheitlicher Umgang mit Landschaft und Tieren.
Für seinen behutsamen Umgang mit Natur und Landschaft als Ergänzung einer nachhaltigen ökologischen Bewirtschaftung wurde der Demeter-Betrieb Müller im Rahmen der Verleihung des "Förderpreises Naturschutzhöfe" im Bundesamt für Naturschutz in Bonn ausgezeichnet.

 
 
 
Blick über Allensbach
 
 
Riedwiesen mit Wollgras
 
 
Balkenmäher zur Feuchtgrünlandpflege
 
 
Zusammenarbeit mit der Naturschutzstation Möggingen
 
 
Teich, NSG Bündlisried
 
 
Riedwiesen
 
 
Neugeborenes Kälbchen
 
 
Ziegen und Pferde auf dem Müller-Hof